28. Januar 2015

Das Wort zur Mitte am Mittwoch, den 28. Januar 2015:

Wenn es auch nicht mehr wirklich viele biblische Texte gibt, die jüngere Menschen heutzutage auswendig können, einer hat immer noch die besten Chancen dazu: Das ist der 23. Psalm. Sie erinnern sich? „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...“

Generationen haben diesen Psalm geliebt, vor allem wohl wegen seiner trostreichen und auch irgendwie ganz besonders friedvollen Bilder. Eines seiner stärksten Bilder war für mich von Jugend an das mit dem Tisch: „Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Das konnte ich mir so richtig gut vorstellen: Wie da eine festliche Tafel gedeckt wird. Aber eben nicht bloß so hopplahopp, sondern richtig mit weißer Tischdecke, mit Stoffservietten in silbernen Serviettenringen, mit Untertellern, mit mehreren Weingläsern und zwei breiten Reihen von Besteck. Mit einem Blumenbouquet in der Mitte und einem livrierten Ober, der einem jeden Wunsch von den Augen abliest. Richtig Stil muss das haben.

Und in ein paar Metern Entfernung, so stellte ich mir dann vor, steht eine dicht geschlossene Reihe von waffenstarrenden Rittern, die mit den Zähnen knirschen und mit den Schwertern klirren, aber aus irgendeinem Grund nichts tun können. Wie von einer unsichtbaren Käseglocke abgehalten, müssen sie ohnmächtig zuschauen, wie ich in aller Ruhe Gang um Gang beende, mir den Mund mit der Serviette abtupfe und am Schluss noch ganz unverschämt nach der Dessertkarte frage. Das tut irgendwie richtig gut, sich das bildlich vorzustellen.

Das ist wahre Lebensqualität: Nicht gehetzt einen Schokoriegel hinunterschlingen, dabei immer auf dem Sprung, immer den Blick zurück über die Schulter nach eventuellen Verfolgern, nein: Stolz und frei, in aller Gelassenheit, in einem geschützten und sicheren Raum, in festlicher Atmosphäre, mit guten Freunden es sich gut gehen lassen. Und das ist eben nicht irgendein Wunschtraum, sondern so schaut die Vision aus, die Gott für unser Leben ausgemalt hat. So sollen wir leben, so dürfen wir leben, so darf unser Grundgefühl sein: Gelassenheit und Ruhe, sogar wenn es äußerlich turbulent zugeht. Aus dem von Gott geschützten Innenraum unserer Seele heraus sicher und ruhig leben.

Oft schaut unser Leben leider ganz anders aus. Da lassen wir andere unseren Lebensrhythmus bestimmen. Da regiert die Angst. Die Angst, irgendetwas zu verpassen, irgendjemand zu verprellen, irgendwas falsch zu machen. Da gestehen wir uns keine Zeit mehr zu für Lebensfreude und Lebensart, für Freundschaften und geteilten Genuss. Da leben wir wie auf der Flucht. Die Angst macht unser ganzes Leben zum Provisorium. Aber für was oder für wen tun wir das eigentlich? Sicher nicht für Gott.

Heute sind sie hier in der Vesperkirche zu Gast. Die Vesperkirche, das ist ja auch eine Art Gegenentwurf zur besinnungslosen Hetze des Alltags. Ganz im Sinne des 23. Psalms: Essen in einem geschützten Raum, mitten im Haus Gottes, mitten in der Johanneskirche, mitten in Schweinfurt. An einem gedeckten Tisch mit freundlicher, zuvorkommender Bedienung. „Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“

Ich weiß natürlich nicht, wer Ihre Feinde sind, die können ja ganz unterschiedliche Gesichter haben für jeden einzelnen von uns. Aber wer auch immer diese Feinde sind, sie sind jetzt draußen. Für den Moment haben sie nichts zu melden. Für den Moment zählen nur Sie selbst, Ihr Tischnachbar, das Gespräch, das sie führen, die Offenheit und die gegenseitige Achtung. Sie haben Zeit. Sie haben Ruhe. Sie sind Gast im geschützten Raum Gottes. Ich wünsche Ihnen weiterhin eine gesegnete und fröhliche Zeit in der Vesperkirche Schweinfurt!

von 

Dr. Marcus Döbert

evang. Pfarrer

Christuskirche Schonungen