23. Januar 2015

 Das Wort zur Mitte am Freitag, den 23. Januar 2015:

Liebe Besucher der Vesperkirche,

am Sonntag bei der Eröffnung der Vesperkirche wurde ich von einer Frau gefragt: Herr Pfarrer, erkennen sie ihre Kirche denn überhaupt noch wieder?

Eine spannende Frage fand ich das.Ja, die Johanniskirche hat sich merklich verändert. Und doch erkennt man sie wieder. Es bleibt ja eine Kirche. Vielleicht, so habe ich mir gedacht, erkennt man ja teilweise sogar jetzt erst die wahre Schönheit dieses Kirchenraumes . Man bekommt noch einmal einen ganz neuen Blick für diesen Raum. Jetzt, wo man nicht in der Kirchenbank, sondern an einem Tisch sitzt, sind ganz neue Perspektiven auf den Raum möglich. Man sitzt nicht mehr hinten und schaut nach vorne. Nein, jetzt sitzt man hier vorne und mittendrin.

Unter dem Jahr kommen tagsüber viele Menschen in der Johanniskirche. Sie bewundern die Kunstwerke oder suchen die Stille. Dieser Raum strahlt ja doch eine gewisse Heiligkeit aus. Aber auch jetzt strahlt der Raum etwas ganz besonderes aus: eine ganz neue Lebendigkeit und Freude. Das blühende Leben mitten im Kirchenraum. Aber nicht jedem fällt diese Veränderung leicht. Manche Gemeindeglieder haben auch das Gefühl, dass sie ihre Johanniskirche eben nicht wieder erkennen und stehen deshalb der Vesperkirche eher kritisch gegenüber.

Ich möchte ihnen dazu eine kleine Geschichte aus Italien erzählen: Es war einmal bei einer Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten vom Pfarrer die Erlaubnis bekommen, nach dem Gottesdienst auf dem Kirchplatz einen kleinen Empfang zu veranstalten. Aber es regnete am Tag der Hochzeit und so fragten sie den Pfarrer, ob sie den Empfang in die Kirche verlegen könnten. Das Brautpaar beteuerte auch: Wir essen nur Kuchen, singen ein kleines Liedchen, trinken ein Schlückchen Wein und gehen dann auch ganz schnell wieder. So konnten sie den Pfarrer überzeugen. Doch wie lebensfrohe Italiener nun einmal sind: sie tanken einen Schluck Wein, sangen ein Liedchen, tranken dann ein bisschen mehr Wein und sangen noch ein Liedchen und nach kurzer Zeit war mitten in der Kirche ein großes Fest im Gange. Alle freuten sich, aber der Pfarrer ging nervös in der Sakristei auf und ab. Da kam sein Vikar herein und frage: "Chef, was ist denn los, sie sind ja ganz aufgeregt!"  "Natürlich bin ich aufgeregt. Hören sie sich doch einmal den ganzen Lärm an, den die machen und das in einem Gotteshaus!"Der Vikar entgegnete: "Aber Chef, die Leute konnten doch nirgendwo anders hin. Denken sie doch daran, dass Jesus selbst einmal auf einer Hochzeit war!" "Ich weiß, dass Jesus auf einer Hochzeit war, das müssen Sie mir doch nicht erzählen! Aber die fand nicht in einer Kirche statt, nicht mitten im Allerheiligsten!"

Liebe Vesperkirchenbesucher, mitten im Allerheiligsten sitzen wir hier und das ist finde ich auch gut so. Manchmal muss man sich eben mitten ins Allerheiligste setzen, damit Freude und Fröhlichkeit möglich werden. Manchmal muss man sich mitten ins Allerheiligste setzen, damit neue Perspektiven möglich werden. Genießen wir es also, heute hier mitten drin zu sitzen und gemeinsam diesen wunderbaren Kirchenraum ganz neu zu erleben. Amen.

Ich wünsche ihnen weiter eine gesegnete und fröhliche Zeit in der Vesperkirche Schweinfurt!

 von

Andreas Grell

evang. Pfarrer

Schweinfurt – St. Johannis