18. Januar 2015

Das Wort zur Mitte am Sonntag, den 18. Januar 2015:

Restaurant ohne Speisekarte

 Liebe Gäste der Vesperkirche Schweinfurt,

 Finden Sie nicht auch: Das Vorbereitungsteam der Vesperkirche Schweinfurt hat ganze Arbeit geleistet. Sie haben in den letzten Tagen diese Kirche in ein Restaurant verwandelt. Unglaublich! Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, der wird es nicht glauben: Tische mit Tischdecken, Blumen und Kerzen mitten in der Kirche.

Ich finde die Gastgeberinnen und Gastgeber der Vesperkirche haben in den letzten Wochen und Tagen alles hinbekommen. Nur eine Kleinigkeit vielleicht, die fällt mir auf, die haben sie nicht geschafft. Ich weiß nicht, ob Sie es auch bemerkt haben? Die Speisekarte? Es fehlt eine Speisekarte! Für die Speisekarte blieb wohl keine Zeit mehr! … Nein! Liebe Gäste, das ist ein Scherz! An eine Speisekarte hat nie jemand gedacht. In der ganzen Vorbereitungszeit, die über ein Jahr gedauert hat, haben die Verantwortlichen nie von einer Speisekarte gesprochen. Und das ist auch gut so! Denn eine Speisekarte braucht eine Vesperkirche überhaupt nicht.

Hier drinnen bekommt ja jeder das gleiche, gute Essen, dazu Kuchen und Kaffee. Es gibt keine Speisen die teurer und keine Speisen die billiger sind. Ich muss hier drinnen keine Speisekarte checken, ob ich mir ein bestimmtes Gericht plus Getränk überhaupt leisten kann oder ob ich auf etwas Günstigeres ausweichen muss. Drei Wochen Vesperkirche markieren nämlich einen Zeitpunkt, bei dem hier drinnen andere Gesetze gelten als die, die sonst üblich sind. Menschen mit mehr Geld essen z.B. mit Menschen mit weniger Geld an einem Tisch: „Jeder, jede soll hier mitessen können, deswegen kostet das Essen 1,50 € und wer mehr Geld hat, kann mehr bezahlen.“ Das Gute ist: An den Tischen weiß das keiner, ob einer für 1,50 € mitisst oder mehr Geld an der Kasse gegeben hat. Wichtig ist die Tischgemeinschaft und die Lust mit Anderen am Tisch zu sitzen und einander zu begegnen. Dies verändert nicht gleich die Welt, aber die Begegnungen können uns alle verändern.

Vielleicht ist das schon ein bisschen wie im Himmel. Den stelle ich mir manchmal mit einer großen Tafel und gutem Essen vor, an der die unterschiedlichsten Menschen miteinander essen und trinken, sich alle untereinander bedienen, jeder satt wird und es fröhlich und herzlich zugeht. 

Im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte des Lukas, wird die erste christliche Kirchengemeinde in Jerusalem so charakterisiert:

„Sie blieben beständig in der Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg 3,42)

Dies ist also das Urbild von Kirche. Es ist eigentlich ganz einfach: Unterschiedliche Menschen verbringen Zeit miteinander (Gemeinschaft). Sie erinnern einander an das, was Jesus selber vorgelebt (Lehre) hat. Wie er z.B. selber Gastgeber und Gast war. Und: Sie sind sozial und diakonisch, indem sie das Brot miteinander teilen (Brotbrechen). Sie sind aber nicht pausenlos aktiv und umtriebig. Sie tanken auf, indem sie beten (Gebet), so wie wir alle, Gäste und Gastgeber, den täglichen Betrieb in der Vesperkirche für dieses „Wort-in-der-Mitte“ unterbrechen, um Nahrung für unsere Seele zu bekommen.

Amen

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine gesegnete und fröhliche Zeit in der Vesperkirche Schweinfurt!

von

Martin Dorner

evang. Pfarrer

Diakonisches Werk Bayern